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Wissenschaft im Internet
Web-Texte als Chance, den Elfenbeinturm zu öffnen Komplexität, Geschlossenheit, Offenheit
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Thorsten Krause, 15.5.1999

Ein Web-Text ist eine neue Textsorte im Zeitalter des Internet, die sich bezüglich ihrer Produktion und Rezeption von gewohnten Formen unterscheidet. Die Möglichkeiten des Internet umfassen Multimedialität und Hypertextualität: Text, Ton, stehende und bewegte Bilder werden als Informationen können aus verschiedenen Quellen bezogen und vernetzt werden. Dazu kommen Kooperation und Interaktivität: Inhalte werden global erstellt und erweitert, abgerufen und diskutiert. Wo mit diesen Mitteln ein thematischer Horizont skizziert wird, entsteht ein Web-Text. Die Website bildet den Ausgangspunkt für einen Verbund von Informationen, der persönlich erschlossen werden muß.

Was sind die Vorteile? Web-Texte machen Sinn, wo Komplexität und Offenheit als Meta-Bedingungen eines Themas einbezogen werden sollen. Komplexität ist nur durch Reduktion zu beschreiben — wird aber gerade dadurch auch erzeugt. Der Web-Text drückt diese Konstellation aus, indem er Vorläufigkeit und Relativität durch gleichzeitige Geschlossenheit und Offenheit integriert. Der Benutzer, Leser im neuen Sinne, kann über die ästhetische Ausdrucksvielfalt differenziert berührt werden. Dies bedeutet immer auch ein Experiment: Die Balance zwischen Inszenierung und Sachlichkeit.

Daß der Aufbau eines Web-Textes eine anspruchsvolle Herausforderung ist, wird bei der näheren Betrachtung solcher Projekte schnell klar. Ein Beispiel. Der amerikanische Anthropologe und Politikwissenschaftler John Borneman und die Medienartistin und Web-Designerin Linda Fisher stellten im März 1999 die englischsprachige Website „Death of the Father" in das Netz. An dem wachsenden Projekt sind sechs Wissenschaftler und eine Künstlerin aus Norwegen, Frankreich, Südkorea und den USA beteiligt. Im Rahmen von Seminare an den amerikanischen Universitäten Cornell/New York und Berkeley/Kalifornien wird die Website darüber hinaus durch Beiträge von Studierenden erweitert, die dabei auch den Umgang mit dem neuen Medium lernen.

http://cidc.library.cornell.edu/dof/

Die Website „Death of the Father. An Anthropology of Closure in Political Authority" setzt sich anhand von Texten, Ton-, Bild- und zukünftig auch Filmdokumenten mit dem Zusammenbruch von autoritären politischen Systemen im Rahmen der Zäsuren von 1945 und 1989 auseinander. Als zentrales Moment wird dabei der Tod der nationalen Führer Benito Mussolini, Adolf Hitler, Kaiser Hirohito, Nikolae Ceausescu, Josef Stalin und Josip Broz Tito betrachtet. Sie waren — jeweils auf eigene Art — Vaterfiguren für das Volk und bauten in ihrer Führung auf die Inszenierung dieser Rolle. Ihr Tod symbolisierte zugleich Ende und Neu-Anfang, war Referenzpunkt für die politische Perspektive der Nation. Das Projekt gründet auf der These, daß die Umsetzung und das Gelingen eines politischen Wechsels von Totalitarismus zu Demokratie durch die Art und die Umstände des Todes der nationalen Leitfigur wesentlich beeinflußt wird.

Die Website faßt die Ausgangsthese kurz zusammen und bietet dann den Einstieg über die Köpfe der „Väter und Regimes". Von hier aus kann die Betrachtung entweder horizontal — zu den einzelnen Personen — oder vertikal — zu den strukturierenden Leitfragen „Form der Autorität", „Tod und Übergang" und „Konsequenzen" sowie in „Chronologien" - fortgesetzt werden. Ein ergänzende Quellenverzeichnis und eigenständige Beiträge von Studierenden zu weiteren totalitären Führern und ihren Regimes ermöglichen die Vertiefung und Verbreiterung des Themas. Die kurzen Textsequenzen sind durch schlagwortartig kommentierte Bilder ergänzt, zu denen thematisch ausgewählte Musik oder O-Töne abgerufen werden können. Ein Glossar, das aus dem Text direkt angesteuert werden kann, erläutert knapp die wesentlichen Begriffe. Für die Zukunft ist auch der Zugriff auf filmische Sequenzen angekündigt.

Die Darstellung des komplexen Themas im Rahmen eines Web-Textes bietet sich an. Angesichts der zwischen Moralität und regelmäßig wiederkehrender Provokation festgefahrenen Debatte über Totalitarismus erscheint es sinnvoll, die Grundthese im Kontext vielfältiger Informationsformen und -quellen stärker persönlich erschließbar und damit auch politisch besser diskutierbar zu machen.

Vorerst allerdings bleibt einiges auch noch entwicklungsfähig. Einige Erkenntnisse aus der Betrachtung der Web-site „Death of the Father". (1) Die Kombination von Bild, Bildüberschrift und Ton bleibt suggestiv, vor allem weil die Auswahl sehr begrenzt ist. Ein z.T. allzu ironischer Blick unterstellt schnell überlegene Distanz. Wenn z.B. ein Foto zweier Frauen vor einem Portrait Adolf Hitlers unter der Überschrift „Something for the home" gezeigt wird, leistet dies eher einer diffusen Überheblichkeit Vorschub, als einer kritischen Auseinandersetzung. (2) Texte auf dem Computerbildschirm fassen sich im allgemeinen kurz, weil das Lesen dort kein Vergnügen ist. Die damit verbundene starke Vereinfachung läuft allerdings Gefahr, dem Thema zu schaden. Ein knappes Glossar wird dem Erfordernis einer differenzierten Betrachtung nicht gerecht — im Gegenteil. Nützlicher wären substanzielle Verweise direkt aus dem Text, auf Bücher, Manuskripte, Filme und Web-texte, die eine allzu schnelle Klärung komplexer Bedeutungsgefüge wie z.B. Führer oder Gulag vermeiden. (3) Auch im Internet müssen Behauptungen nachvollziehbar belegt werden. Wo das nicht geschieht, steht schnell die Seriosität des gesamten Textes in Frage. In diesem Sinne scheint z.B. die Anspielung auf eine Verbindung zwischen dem Ende Benito Mussolinis und der Existenz der Mafia sowie die Entstehung der Roten Brigaden zumindest fragwürdig und bedarf dringend einer Begründung.

Zusammenfassend: Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft bei der Gestaltung eines komplexen Web-Textes ist wichtig, läuft jedoch nicht ohne Reibungsverluste ab. Komplexe Inhalte und ästhetische Form müssen ihr Verhältnis zueinander finden — und das ist für Produzenten wie Rezipienten mit Experimenten verbunden. Daraus folgt: Web-Texte brauchen Zeit, um zu wachsen. Sie werden erst dann wirklich interaktiv, wenn sie eine Vielfalt von Inhalt und Form bieten, durch die spontane Eindrücke und einseitige Interpretationen irritiert und Reaktionen ausgelöst werden.

Wissenschaft als „work in progress"

Für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind Web-Texte gerade wegen ihres experimentellen Charakters ein interessantes Ausdrucksmittel. Sie bieten die Chance, wissenschaftliche Arbeit als „work in progress" zu dokumentieren und diskutieren. Die Ausdrucksmöglichkeiten steigen. Die globale Wissenschaftsgesellschaft kann Kräfte bündeln, wo sich räumliche Verengungen aus verschiedenen Gründen oft lähmend auswirken. Thematische „Steinbrüche" entstehen, anschlußfähig für viele Interessenten, z.B. auch für Hochschulen und Schulen. Web-Texte können Wissenschaft kommunizierbarer machen. Elfenbeintürme werden zugänglich sich - für Kollegen aus der Wissenschaft und für die Öffentlichkeit.

Zumindest mit dem Blick auf Deutschland ist, von Ausnahmen abgesehen, allerdings zu bezweifeln, daß viele Wissenschaftler ein gesteigertes Interesse an einer derartigen öffentlichen Präsentation ihrer Arbeit haben. Der zeitraubende Umgang mit dem ungewohnten Medium dürfte dabei nur eine vordergründige Hemmschwelle bilden. Entscheidender ist, daß der Dialog zumeist lieber auf die sicheren, aber engen hegemonialen Grenzen beschränkt bleibt. Dabei wird verkannt, daß Veröffentlichungen im World Wide Web gerade einen grundsätzlich anderen Charakter haben: Sie ersetzen nicht zuende gedachte Bücher und Aufsätze, sondern sind offener, sollen sich komplexen Inhalten nähern und Interesse wecken. Gerade die Unsicherheit des Experiments kann für Produzenten und Rezipienten die Herausforderung sein.

Thorsten Krause
15.5.1999

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