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Der Tod der schrecklichen Väter im Internet: Anthropologische Totalitarismusforschung in einem neuen Medium
--Ralf Kellermann

In der Anthropologie tut sich etwas. Beschränkte sich die Wissenschaft vom Menschen über lange Zeit auf die Beschreibung ländlicher Kulturen in möglichst exotischen Regionen, rückt seit einigen Jahren die soziale Organisation und Kultur einer zunehmend in Städten lebenden Weltbevölkerung ins Blickfeld der Disziplin. Auch konnte man sich früher noch darauf verlassen, daß die Anthropologen über die Eigentümlichkeiten fremder Kulturen staunen. Die Industriegesellschaften der nördlichen Hemisphäre waren kaum der Gegenstand einer an Ritualen interessierten Anthropologie. Hier vermittelte die historische und soziologische Forschung der Gesellschaft ein seriöseres Selbstbild. Diese Arbeitsteilung hat sich in den letzten Jahren überholt. Während die 'harten' Sozialwissenschaften sich zunehmend auch mit den sozialen, historischen und politischen Problemen der sogenannten 'Entwicklungsländer' beschäftigen, interessieren sich Anthropologen und Kulturwissenschaftler immer mehr auch für die Kultur der nördlichen Industrienationen. Kulturelle Eigenheiten, über die sich staunen und berichten läßt, gibt es hier, so die überzeugende Begründung, nicht weniger als in den traurigen Tropen.

Wie weit sich die in diesem Sinne neu orientierte Anthropologie von ihrem alten Gegenstandsgebiet entfernt hat, illustriert eine englischsprachige Web-Site der Universität in Cornell, USA, mit dem Titel Death of the Father. Unter Federführung von Prof. Dr. John Borneman analysieren sechs Anthropologen aus vier verschiedenen Ländern den Übergang von totalitären zu demokratischen politischen Systemen. Verglichen werden vor allem das Ende des Faschismus in Deutschland, Italien und Japan 1945 und der Zusammenbruch des Sozialismus in der Sowjetunion, Rumänien und Jugoslawien 1989. Das Thema ist, so mag man einwenden, allenfalls für die Anthropologie Neuland. Die historische und politologische Totalitarismusforschung füllt Regale, und die Debatten über die Ursachen und Formen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erscheinen vielen Beobachtern weniger darum so ärgerlich, weil man an Schuld und Verantwortung erinnert würde, sondern eher, weil man des zum Ritual erstarrten Austauschs bekannter Positionen überdrüssig ist. Während zumindest in Deutschland kaum eine Äußerung zum Thema umhinkommt, entweder als opportunes moralische Bekenntnis oder als wohlkalkulierte Provokationen des common sense abgestempelt zu werden, bemühen sich die Autoren der Web-Site in Inhalt und Form um einen neue neue Perspektive.

Ausgangspunkt der anthropologischen Untersuchung ist die Beobachtung, daß die Dikatoren des 20. Jahrhunderts ihr Volk in einem engen emotionalen Verhältnis weniger an ihr Amt als an ihre leibhaftige Person binden. Sie stilisieren sich radikaler als dies zumeist in Demokratien geschieht zum 'Vater' der Nation und festigen durch dieses quasi-intime Verhältnis zum Volk ihre Macht. Väter kann man vielleicht noch kritisieren. Abwählen kann man sie nicht. Gerade durch diese enge Bindung, die in der Meinung der Autoren für den Bestand totalitärer Systeme von entscheidender Bedeutung ist, bekommt die Darstellung bzw. die Inszenierung des Todes der Diktatoren eine entscheidende Bedeutung für die Frage, wie erfolgreich eine Gesellschaft sich von der Bindung an totalitäre Strukturen lösen kann. In Anlehung an Freuds These, daß nur ein symbolisch vermitteltes Abschiednehmen von einem Toten es ermöglicht, sich nach einem Trauerfall erneut zum Leben hin zu öffnen, unterstellen die Autoren, daß sich demokratische Strukturen stabil nur etablieren können, wenn z.B. im Rahmen eines Tribunals eine Zäsur markiert wird. Die Überwindung der 'väterlichen' Ordnung erfordert den öffentlich inszenierten Tod des 'Vaters'. Regime wie das in Rußland oder in Jugoslawien, in denen der Übergang von einem totalitären System zu nominell offeneren Strukturen ohne eine markante Zäsur, ohne die öffentliche Anklage und Verurteilung alten Unrechts verläuft, haben, so die These, bei der Demokratisierung besondere Probleme. Im Vergleich mit der viel diskutierten Untersuchung von Goldhagen hat der Zugang der Anthropologen zwei Vorzüge. Statt, wie Goldhagen, zu unterstellen, daß totalitäre Mechanismen und Gewalt einem weitgehend statisch vorgestellten Nationalcharakter entspringen, gehen sie - hierin von der modernen Semiologie beeinflußt - davon aus, daß sich Charakteristika kulturellen Verhaltens durch die Vermittlung symbolischer Formen immer neu bilden. Dies führt zum einen die Analyse weiter und untergräbt wirkungsvoller als Goldhagens Untersuchung den Eindruck, die Deutschen seien von Natur aus zum Antisemitismus verurteilt. Und statt sich wie Goldhagen auf die Analyse eines einzigen Landes zu stützen um die Ergebnisse der Untersuchung am Ende als typisch für eben dieses Land zu präsentieren, weiten sie den Gegenstandsbereich auf mehrere Länder aus. Die Unterschiede werden dabei nicht - wie es die Kritik an totalitarismustheoretischen Untersuchungen oft vorschnell unterstellt - unter den Tisch gekehrt, sondern im direkten Vergleich eher deutlicher benennbar.

Der Hinweis auf die psychologische Bindungen zwischen politischen 'Vater'-Figuren und einer in politischer Hinsicht regredierten Öffentlichkeit reicht zur Erklärung der komplexen Probleme in Rußland und Jugoslawien sicherlich nicht aus. Sie ergänzt jedoch auf eine interessante Weise die daneben immer noch relevanten politischen und ökonomischen Analysen. Interessant ist die Web-Site zum "Tod des Vaters" jedoch nicht nur, weil sie eine diskussionswürdige These vorträgt, sondern weil sie dies tut, während die beteiligten Forscher sehr offensichtlich noch bei der Arbeit sind. Statt politische 'Aufklärung' unter Laborbedingungen an der Universität vorzubereiten, um sie dann als fertige 'Klarheit' portionsweise ans Volk zu verabreichen, präsentieren die Autoren von Death of the Father ihre Web-Site als work in progress, als einen in vielfachem Sinne offenen Text. Bezeichnend für diesen experimentellen Charakter, mit dem hier der akademische Elfenbeinturm für das Publikum geöffnet wird, ist die laufende Erweiterung der Web-Page auch durch Arbeiten von Studierenden.

Etwas Unabgeschlossenes eignet der Web-Page nicht zuletzt auch durch das Medium. Statt zu suggerieren, das Thema sei im Sinne einer handbuchartigen Darstellung ein weiteres Mal bewältigt worden und lern- und lehrbar, lädt die Einrichtung des Textes zum Querzulesen ein. Durch den von Bild zu Bild, von Text zu Text, von Tondokument zu Tondokument neu zu bestimmenden Gang der produktiven Rezeption sieht sich der Betrachter vor die Aufgabe gestellt, neue Geschichten zu entwerfen bzw. eine vermeintlich allzu bekannte Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln neu zu lesen. Gerade wenn es um die Annäherung an ein über Jahrzehnte intensiv bearbeitetes Thema wie die Konstitution und Überwindung totalitärer Regime geht, erweist sich die Einladung zum unseriös anmutenden 'Page-Hopping' als List der Vernunft.

Offen ist die Dokumentation zum Thema "Tod des Vaters" allerdings auch im Sinne weiterer Verbesserungsmöglichkeiten. Offenkundig wird dies nicht nur dort, wo ein Video und Ton-Dokumente zu einzelnen Bildern nur angekündigt werden, aber noch nicht zur Verfügung stehen. Auch das Glossar erscheint noch lückenhaft und teilweise über Gebühr vereinfachend. Jenseits schulmeisterlicher Pedanterie stört dieses Defizit insofern, als die meisten hypertextuellen Verweise eben nur auf dieses Glossar verweisen. Nur aus dem Abschnitt über Jugoslawien wird dem Betrachter ein direkter Weg in andere Web-Pages zum Thema gewiesen. Vor allem provoziert die für das Medium typische Knappheit der Texte und Überschriften den Betrachter nicht so notwendig zur Revision eigener Vorurteile, wie es die Autoren offenbar intendiert haben. Wenn z.B. ein Foto von Wartenden vor dem Lenin-Mausoleum mit "worth the wait" (in etwa: "Warten lohnt sich") übertitelt ist, so hätte das die dort Stehenden vielleicht als ambivalente Aussage zum Nachdenken eingeladen. Dem Betrachter am Computer dürfte es schwer fallen, sich unter diesem Titel mit den Wartenden zu identifizieren. Wer Bild und Titel nach Art der üblichen Web-Rezeption nur kurz auf sich wirken läßt, liest den Titel als rhetorische Frage ohne Fragezeichen. Als falle einem der fehlende Sinn des Wartens nicht sofort ins Auge. Der Nachgeborene sieht sich zur überheblichen Selbstbestätigung eingeladen. Eine Reflexion über die vielleicht nachvollziehbaren Motive der in der Schlange Stehenden wird so nicht angestoßen. Nicht an allen Stellen provoziert der Text durch die Irritation des Betrachters eine heilsame Öffnung etablierter Stereotypen. Während die Darstellung Jugoslawiens und Deutschlands bei aller Knappheit doch interessante Perspektiven vermittelt, werden gerade im Abschnitt über Rußland bzw. die Sowjetunion etablierte Vorurteile auch bedient.

Den kritischen Anmerkungen zum Trotz hat der intermediale Text über den "Tod des Vaters" unbestreitbar einen großen Wert. An vielen Stellen erscheinen alte Fragen produktiv verfremdet in neuem Licht. Das tatsächlich einiges noch zu tun ist, tut dem Wert des Textes keinen Abbruch. Zu messen ist die Web-Page nicht am Maßstab unveränderlicher Wahrheiten, angemessener ist hier eine Beurteilung unter dem Aspekt der politischen Information und Willensbildung. Diese aber realisiert sich, zumindest in Gesellschaften mit demokratischem Anspruch, nur als offenes Projekt.

Ralf Kellermann,
Universität Hamburg,
z.Zt. University of California, Berkeley.

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